SONY DSCSo sitz ich nun endlich hier am Portillon Superior auf ca. 3100 Metern über dem Meer. 4h hab ich gebraucht, laut Plan warens 3. Aber ich bin ja auch wirklich um 3:30 los, nachts, dunkel und Nebel. Durch zwischen Schubkarren-, Auto- und Autobusgrossen Felsbrocken, alle 500 Meter ist mal ein roter Punkt angebracht, hin und wieder ein Steinmännchen, genau ausserhalb der Sichtweite im nächtlichen Nebel. So kämpfe ich mich voran, mit 2 Lampen, bis ich an einem roten Punkt keinen Weg mehr erkennen kann. Auch keine Steinmännchen mehr. Keine braunen Flecken mehr am Felsen die verraten, dass hier schon 1000de dreckige Schuhe drübergelaufen sind – so fand ich den Grossteil des Weges bis hierher. Eine kleine Spur mit Steigeisenabdrücken führt in ein angrenzendes Schneefeld aber da der bisherige Pfad so ausgetreten war wie eine Autobahn vertraue ich der Spur nicht. Ich werde unruhig, mir ist etwas kalt. Ich suche mir einen Unterschlupf unter einem Stein und versuche mich zu wärmen. Dann schaue ich nochmal eine Runde durch die Gegend, aber nix. Gut, dann halt die hightech Version. Karte raus, GPS raus und mal toll überprüft, ob ich überhaupt richtig bin. Scheint zu passen aber es ist mir zu dunkel um einfach ins Nichts weiter zu maschieren drum verkrieche ich mich noch ein bisschen unter meinem Stein, wie ein Tier, und wärme bei einem tollen Lied aus meinem Handy meine Gliedmassen. Als ich etwa 30 Minuten später noch mal rumspaziere erkenn ich aus meiner Position am grössten Stein der Umgebung ein mini-Steinmännchen aus 3 Steinen. Klar, dass das im Dunkel nicht zu erkennen war. Gleich dahinter seh ich wenige Sekunden später einen roten Punkt. Das muss meine Richtung sein. Fröhlich, vor allem erfreut, dass ich mich jetzt weiter bewegen kann, spring ich – na klar – von Stein zu Stein um meinen Rucksack aufzuklauben. Unten im Tal seh ich 2 Lichter die nach kurzer Zeit wieder ausgehen, sicher die ersten die mir folgen. Ziemlich steil bergauf in einer leichten Kletterei um 2+ geht’s bis zu einem Grat der sich auch im 2. Grad dahinbewegt. SONY DSCAuf meiner Karte sollt ich den zwar umgehen, aber was soll denn das? Wo bleibt denn da der Spass? Also tänzle ich ohne Steinmännchen und Markierungen weiter durch den von der Sonne schon erleuchteten Nebel, ich weiss wo ich ca. bin und ein Grat war eh noch nicht eingeplant, hat mir noch gefehlt bei den tollen Ereignissen dieser Wanderung. Manchmal hör ich aus dem Tal Stimmen die der leichte Wind hochträgt. So kommen mir meine Verfolgersehr nah vor und als ich nach rechts die Felswand runterblicke an der ich gerade hänge seh ich untem im Schneefeld eine ausgetretene Spur. Wahrscheinlich eine langweilige Umrundeung des interessant bemoost und beflechteten und darum rutschigen Grates. Hinter den Nebelschwaden tauchen immer wieder mal die Gipfel mit ihren Gletschern auf, ein schönes Bild, motiviert und mit Gewissheit, dass mich nix mehr von dem Berg runterbringt ausser meine Füsse klettere ich bis zum Portillon Superior wo ich gerade sitze. Meine Finger sind kalt und steif, wir sind auf etwa 3100 hm, ein Wind weht. Aber ich muss schreiben, es kommt grad so viel aus mir raus, es geht nicht anderst. SONY DSCDurch dieses Portillion, ein Loch im Grat durch welches man auf den Gletscher hinunter klettert um Richtung Gipfel loszuwandern, wird es für mich weitergehen. Von der Meute hinter mir ist erstmal nix zu hören, drum nehm ich mir auch die Zeit und verewige meine Gedanken, solange sie noch frisch sind und wie Wasserfälle aus mir raus purzeln. Immer wieder werden Stimmen laut, dann das Knirschen von in der Nacht gefrorenem Schnee, dann die erste Silouette im Nebel. ,,Hola”. Antwort ,,Hola”. Ich frag ob sie Englisch sprechen und einer sagt ja. Ich fratsch ihn aus über was da hinter ihnen her käme und sie verdrehen die Augen. Angeblich eine ganz grosse Gruppe. Mit einem ,,Oh shit” schmeiss ich mein Büchlein zu und schnapp mir meinen Rucksack, nichts wie los. Schnell die Eisenzacken angebaut und weiter. Von gemütlichem Wandern ist keine Spur mehr, die Höhe macht mir schon zu schaffen, in meinem Kopf kommen ehrgeizige Antworten auf die Frage, warum ich denn so lange gebräucht hätte, warum ich so langsam bin. Meistens lachen die Leute die ich mir einbilde während sie am Gletscher bei mir vorbeirennen. Von ,,Ich hab halt Schlafsack & co mit und bin am Weg nach Marokko” bis hin zu ,,Halts maul” fällt mir alles ein. Aber total unbegründet, denn genau einer überholt mich und einer holt mich ein von den 15 die direkt hinter mir auf den Gletscher gestartet waren. Und die Zwei schnaufen auch. Auf dem Gletscher ist es noch immer triest und grau und die Sonne will nur die Berge über uns beleuchten. Bis es bei ca. 3200 hm aufreisst und die Nebelwolken hinter bzw. unter uns gelassen sind. Keuchend, immer wieder mal Pause. Ein Foto machen, noch eines. Endlich in der Scharte angekommen bei der ich später auch absteigen werde hau ich mal alles auf den Boden, inklusive mir. Wasser, Nüsse und Rosinen helfen mir einen klaren Kopf zu bewahren. Den Rucksack stell ich irgendwo in den Schnee, nur die Kamera kommt die letzten 200 hm bis zum Gipfel. Dort wird abgeschnallt um über die gefährlich ausgesetzte aber echt feine Kletterei die letzten 25 Meter zum Gipfel auf der ,,Strasse von Mahoma” zu klettern. Dort nur schnell Fotos und ein bisschen durch die Berge gucken, dann retour, bevor mich die Hundertschaft überrennt die mir nachkommt, joggend bergab mit den Steigeisen am 35 Grad steilen Hang macht das Spass, auch oder vor allem weil mich die Leute anschaun als ob ich verrückt wär. Meinen Stecken den ich mir in Frankreich gekauft hatte bevor ich losging, ein feuergehärteter Holzstecken mit meinem Namen eingraviert, hielt ich dabei in beiden Händen so dass ich mich im Falle eines Sturzes Hechtsprungartig nach vorne werfen könnte um den Stecken mit beiden Händen haltend in den Boden zu rammen damit ich nicht wegrutsche. Oh, meine Fantasie ist grenzenlos. Back am Backpack schnall ich mich zusammen und suche meinen Abstieg. Obwohl steil anmutend find ichs OK, die Steigeisen noch drauf trainiere ich ein bisschen fürs Eisklettern, sofern man das mit meinen nicht mal knöchelhohen Schuhen kann. Ich lerne, nur mit den vorderen Krallen aufzusteigen und später bemerke ich, dass es gut ist, die Zacken aus dem Schnee zu ziehen bevor man weitersteigt. Schön langsam schnell geh ich den direkten Weg Richtung Coronas-Seen, es macht voll Spass mit den Steigeisen so einen steilen Hang hinunter zu gehen. Immer wieder begegne ich Leuten die grad beim Aufstieg sind und darf ihnen erklären obs schwer oder leicht ist und ob der Weg gut ist. Eine 8er Gruppe fragt mich ob viel los ist am Gipfel und ich verkneife mir zu sagen, dass selbst wenn es dort menschenleer ist, ist dann viel los wenn ihr 8 oben seit.

Vor mir öffnet sich eine Landschaft aus Stein und Eis und Schnee, blauen Gebirgsseen mit Eis drinnen, riesige Felsen die dazwischen liegen und sanftes Rauschen von Wasserfällen als Hintergrundgeräusch. Der Wind kräuselt die Oberfläche des grössten Sees und ich setze mich auf einen Felsen überm Ufer, schaue ins blau, rauch eine und leg mich dann hin um ein bisschen zu schreiben. Da ich von der Scharte schon wieder eine grosse Gruppe absteigen sehe entschliesse ich mich für aufbrech, so dass ich wenigstens den Rest des Weges noch ein bisschen Ruhe habe. Die Gruppe steigt das Schneefeld ab wie eine Gruppe von Schifahrer*Innen, amüsant zu beobachten, ich kann nicht erkennen ob sich angeseilt sind oder was Sinn und Zweck der Übung ist. Dort wo ich gerade durch hinunter bin gehen sie im Zickzack, immer eine Person voraus, 2 Kehren, dann schliesst die nächste Person auf, bis sie wieder in einer Reihe stehen. Whatever.

SONY DSCFür mich geht’s ziemlich steil über Stock und Stein durch ein vom Wasserfall der je weiter unten desto grösser wird geformtes Tal. Alles ist voll mit bunten Blumen, alles in voller Blüte, zusammen mit den zum Teil nassen Felsen und der weissen Gischt ein Farbenfest. Die Sonne wird immer wärmer je weiter es nach unten geht und auf 2000 an der Talsohle ist es richtig kuschelig, wenn keine Wolken da sind. Sonst ists ,,lange Jacke und noch immer kalt” kalt. In der offenen Hütte wo diesmal wirklich gratis gepennt werden kann treff ich Iker der bei seinem 2. Teil des GR11 – längs der Pyreneen – ist und mir was zum essen schnorrt. Ich bin nämlich leer, bis auf die halbe Packung Studentenfutter und ein Drittel des Salamisandwiches welches ich mir 2 Tage vorher gekauft hatte. Ich wünsch mir müde Wandersleut die am Abstieg sind und mir was zum Essen schenken, da ich allerdings nicht Frage wird’s wohl beim wünschen bleiben. SONY DSCHier an der Hütte ist ein reges kommen und gehen. Von überall kommen Leute die einen oder mehrere der Pyreneenwanderwege gehen und tauschen sich aus, eine der Gruppen geht schon seit einiger Zeit zusammen, die haben sich irgendwo am Weg gefunden, wieder verloren und wieder gefunden. Gordi, in Spanier, der mir beim Absteigen entgegen gekommen war kam auch noch vorbei, er hat den selben Trip wie ich nur in die andere Richtung gemacht und war von drüben hier her getrampt. SONY DSCEr hat einige Zeit in Deutschland gelebt und hat viele Touren gemacht, auch in Österreich, yusammen mit Robert Müller. Er erzählt mir viel über die Pyreneen und die verschiedenen Gipfel, wo es interessante Touren gibt und wir sprechen über den Zulauf auf den Bergen in den letzten 15 Jahren. Er gibt mir auch nützliche Tipps für die Sierra Nevada. Dort ist immer noch ein bisschen Schnee und meine Einschätzung von Norden zu gehen begrüsst er und empfiehlt er mir auch. Ich sollte allerdings schon hier in Nordspanien, am besten hier in den Pyreneen eine Karte kaufen denn in Südspanien gibt es nicht so viel Bergsteigtourismus. Auch genug Wasser soll ich bringen da es dort ziemlich trocken ist. Die Steigeisen werd ich allerdings nicht brauchen, sagt er. Dann geht er ein bisschen in der Sonne schlafen. Ich mag seine Art und seine Ausstrahlung, er hat etwas sehr ruhiges und erfahrenes, scheint gut in den Bergen zurechtzukommen. Auch einige andere Spanier sind da, viele davon trainieren für einen 130km Ultramarathon der in einer Woche statt findet. Der Platz wird so ziemlich crowded und abgesehen davon, dass die Gespräche lustig und die Stimmung gut ist würd ich mich freun wenn ich alleine, oder vielleicht zu dritt, zu viert hier sein könnte. Gordi fährt morgen nach Barcelona, er hat sein Auto allerdings nicht auf meiner Route stehen, aber er kann mich mitnehmen sagt er. Ich entscheide mich, die letzte Etappe meiner Pyreneendurchqueerung umzubauen und kann so nach Benasque gehen, endlich mal was essen, eine Karte für die Sierra Nevada checken und gegen 3 werde ich von Gordi abgeholt, so ist der Plan. Flexibilität, die hab ich im Kopf, aber meine Beinchen warten zum guten Morgen mit einem ,,überraschenden” Muskelkater und Steifigkeit auf mich. Da es mir unangenehm ist, dass alle essen, bzw. Frühstücken, bleibe ich liegen bis die meisten fertig sind, räume zügig mein Bett zusammen und rauch noch eine, verabschiede mich von dem londoner Fotograf und der hollendischen Wanderin. Nach 10 Minuten gehen spüre ich zum ersten Mal seit 2 Tagen Stuhldrang und befriedige meinen Körper indem ich die richtige Stein-Kombination suche und dort eine Sitzung halte. 20 Schritte nach dem weitergehen bemerke ich, weil ich mit beiden Händen die Tasche mit den Steigeisen halte, dass etwas nicht passt. Die Tasche hängt unten am Rucksack und schlenkert bei jedem Schritt was eine unangenehme Mehrbelastung ist. Drum halte ich sie gerade mit beiden Händen. Aber welche Hand hält meinen Stecken, dessen regelmässiges Tick Tack Tock zusammen mit der Hand schon so in meinen Rhythmus übergegangen ist? Richtig, keine! Der Stock steckt noch am Klo und bewacht meine Abwesenheit. Also nochmal zurück und dann binde ich mir die Steigeisentasche mit der Bandschlingen an den Rucksack sodass sie nicht mehr schlenkert. Durch das Tal geht’s hinunter, links und rechts türmen sich die Gipfel der Pyreneen, links, ganz weit unter mir in der Schlucht braust ein Bach, glatte Felswände gehen bis an den Grund der Schlucht, ein Paradies fürs klettern, aber mit ziemlich hartem Zustieg. Die Felsen sind auf der linken Seite des Tales grau, durchzogen mit Furchen, gewunden vom Druck der sie einst formte ziehen sich die Bänder in den unmöglichsten Formen durch die Berge. Auf der rechten Seite rostbraune Wände mit harten, glatten Abbrüchen, ein Traum zum Bouldern, kleine und grosse Brocken liegen überall verstreut und alle paar hundert Meter kommt ein Rinnsal kristallklaren Wassers von den Bergen das plätschernd meinen Weg kreuzt. Immer wieder bisher auf meiner Reise kommen Formulierungen in meinem Kopf zustande welche die Situation in meinen Augen perfekt beschreiben, da ich aber immer nur wenn ich ein ruhiges Plätzchen habe mein Buch heraus hole schaffen es kaum welche bis dorthinein. Mein Gehirn hat einen angenehmen Zustand des Lebens in der Gegenwart erreicht wo ich mir keine Sorgen mache, die Gedanken brausen daher, werden gedacht und kombiniert und sobald ich etwas Neues entdecke wieder verworfen. Es gibt nur die Gegenwart. Eine blaue Blume am Wegesrand leuchtet mich an und ich pflücke mir eine Blüte und schmücke meine Kappe damit. Dies soll mein Glücksbringer sein wo ich das Johanniskraut doch schon 2 Tage vorher am Schrein abgegeben habe. Ich überlege, den Bus, welcher bald hinter mir vom Refugio kommen wird, anzuhalten um mit nach Benasque zu fahren aber ich bin scheinbar zu schnell, denn an der Asphaltstrasse angekommen ist er noch immer nicht in Sichtweite. Also Daumen raus und welch Glück, gleich das erste Auto nimmt mich mit anch Benasque. Ein hübsches Pärchen ist erstaunt über meine bisherige Tour und schreibt mir in mein Büchlein wie ich auf Spanisch fragen kann, ob ich in einem Auto mitfahren kann. Sie zeigen mir auch das Geschäft wo ich Karten kaufen kann und ich bedank mich herzlich. 10 Minuten später stehe ich mit einer Karte am Free-Wifi Spot und muss nur 30 Minuten bei einem Kaffee warten bis die Küche des Grills aufmacht. Als es dann soweit ist bestell ich mir einfach das teuerste von der Karte und hoffe, dass es viel ist. Ja, ein komplettes Rippchen mit Pommes und Salat. Das schaff nicht mal ich ganz und als ich nicht mehr kann lass ich mir noch einen Kaffee bringen. Während dem Essen seh ich das einzige Auto das am Parkplatz im Tal mit Barcelona Kennzeichen stand vorbeifahren und hoffe, dass es nicht Giordi ist, denn es sieht mich nicht und fährt weiter. Aber es ist ja auch noch viel zu früh, er wollte zwischen 2 und 3 losfahren. Also such ich mir nach dem Essen einen gemütlichen Platz im Schatten an der Strasse unter einem Baum und warte. Nach 1,5 Stunden werd ich schon etwas nervös und suche mir ein Bänkchen wo ich gemütlich sitzen kann und penn ein. Kurz vor 5 wach ich auf, noch immer kein Giordi. Whatever. Ich versuche ihn nicht zu verurteilen, denn ich weiss ja nicht was passiert ist, war er zu schnell und ist schon früher gefahren oder war er zu langsam bzw. ist ihm was passiert…? Ich weiss es nicht. Also hol ich den Deckel von Judiths Pizzaschachtel raus und schreib mir ein Barcelona-Schildchen. Da es Sonntag ist und hier reger Bergtourismus herrscht schätze ich meine Chancen auch sehr gut ein. Wenig später, vielleicht 20 Minuten, kommt Eduard mit seinem Hund. Sie sind auf dem Weg nach Girona, ca 100km nördlich von Barcelona an der Autobahn. Klar fahr ich da mit, Hauptsache weg und auf die Reise. Eduard hat viel zu sagen, mit gebrochenem Englisch erzählt er vom Referendum über Katalonien im November wo alle Katalonier von Spanien nicht anerkannt für ihre Unabhängigkeit abstimmen. Über die Invasion des spanischen Königs im Jahre 1000 nach Christus, dass die Basken das selbe Problem haben und dass er zu viel kiffe und sich deswegen an kaum englische Wörter erinnern könne, dass er als so was wie ein Psychologe mit seinem Hund arbeitet, mit geistig behinderten Menschen und auf der Gemeinde. Auf einer Tanke zahlt er mir ein Bierchen, führt seinen Hund Gassi und dann geht’s weiter. SONY DSCEduard zeigt mit verschiedene Dinge am Weg, einen Heiligen Berg, den Montserat, den ich unbedingt mal besuchen will aufgrund der Struktur und den zentralen Berg von Katalonien von dem aus man Mallorca sehen kann. In Girona angekommen habe ich schon beschlossen, nicht weiter zu trampen, why hurry? Eduard zeigt mir ein Hostel und wir verabschieden uns. Da ich nach 10 Minuten wieder ein komisches Gefühl bekomme schau ich in meine Hände… beide leer. Mein Stock! Ist wohl nach im Auto und mein Buff hängt mit dran. Also hat der Stock jetzt einen neuen Besitzer gefunden, ich hoffe es gefällt ihm dort. Beim Autostoppen wäre er mir sowieso eher hinderlich geworden. Schieben wir die Sorgen beiseite und kümmern uns um den Schlafplatz. Da ich das Hostel auch mit Nachfragen nicht finden kann geh ich zu einem anderen, die wollen jedoch 18 EUR pro Nacht und als ich sie nach dem Hostel frage, das Eduard erwähnt hatte, zeichnen sie es mir auf einer Karte gerne ein und ich finde endlich hin. Dort wird geduscht, eine Person in Granada zwecks Schlafen auf bewelcome.org angeschrieben die mir über Nacht leider absagt und Wäsche gewaschen. Zum trocknen wickle ich alles Nasse in die Bettwäsche, presse das letzte Wasser raus und häng dann alles im ganzen Zimmer auf. Dann versuch ich Sonnhild über Skype zu erreichen aber wird nix. Also ins Bett, gute Nacht und Wecker auf 6:30. Pünktlich hauts mich aus den Federn, die Wäsche ist leider noch nicht trocken also geh ich mal Zähne putzen und rasieren. Dann gibt’s ein mehr oder weniger grauenhaftes Frühstück das in den 15,26EUR inkludiert war – ich hatte 10% Students Discount bekommen – aber es springt auch eine fette Jause für unterwegs raus die ich mir heimlich in mein St. Pauli Jutetäschchen packe. Dann versuche ich den besten Weg aus der City zu finden. Dazu lade ich mir die Spanien Karte für mein offline-Navi runter, hab allerdings Probleme mit dem Installieren und so pfusch ich halt ein bisschen rum. Mit der neuen Version meines Navi-Apps (Osmand, kann man hier ruhig mal erwähnen!) klappt dann alles gut, zusätzlich hab ich mir auch noch eine weltweite Strassenübersicht dazugeholt wo die meisten Autobahnen und grosse Strassen drauf sind. Dann wird das zum Teil noch feuchte Zeug angezogen, der Rest am Rucksack verhängt und ich mach mich auf in Richtung ,,SUR”, bzw via Barcelona nach Granada. Vielleicht. 🙂

SONY DSCSONY DSCEin IT-Mensch nimmt mich mit bis kurz vor Barcelona auf eine Raststätte. Während der Fahrt ,,zwingt” er mich Spanisch zu reden damit ich es lerne, ein sehr lustiger Typ. Auf der Raste treff ich Paula die circa 1-2 Mal im Monat von Marseille nach Valencia und retour trampt um ihren Freund zu besuchen. Sie hilft auch für mich beim Fragen da wir in die gleiche Richtung wollen. Sie will nach Almeria um Freunde zu besuchen und am darauffolgenden WE auf ein Festival in Jaen, Ethnosur heisst es, sie gibt mir ihre Nummer falls ich auch kommen will sollte ich sie anrufen. Ein Araber fährt heute nur bis Barcelona, morgen allerdings weiter nach Malaga. Er gibt uns seine Nummer, wir sollten uns melden wenn wir morgen noch immer auf der Strasse sind. Dann managed Paula eine Mitfahrgelegenheit in einem Bus von 2 Belgiern. Sie fahren nach Valencia, können fuer etwa 100km 2 Personen mitnehmen, dann muss sich der Beifahrer aufgrund seiner Rueckenprobleme auf die Rueckbank legen um keine Schmerzen zu haben. Da Paula den Ride aufgerissen hat und bald in Almeria sein muss gebe ich ihr den langen Platz und spring auf einer Raste bei Tarragona raus. Dort muss ich nur 10 Minuten warten bis ich mit einem Trucker – Jimmy, geborener Australier – ins Gespräch komme. Er nimmt mich mit nach Valencia, bzw. direkt davor, Saragunta. Er erzählt mir von seiner Leidenschaft fuer Technomusik, hauptsächlich ältere aus den 1990ern und Motoradfahren, Rennmaschinen! Wir haben viel Spass und er gibt mir Wasser und Essen. Zweiteres nehme ich erst nach mehrmaliger Aufforderung an. In Saragunta angekommen spreche ich nachdem ich mir ein koffeinhaltiges Kaltgetränk reingezogen habe den nächsten Bonzen-BMW an und schon hab ich einen Platz nach Puente Lumbrenas. Wir unterhalten uns nur wenig, er kann ein paar Brocken Deutsch, kaum Englisch und so reden wir hin und her. Zum Aussteigen wird’s ein bisschen kompliziert da er nur bis Vera fährt und in Puente Lumbreno keine direkte Estatione de Servicio ist sondern nur eine normale Tankstelle. Dort hau ich mich raus und spazier in Richtung Raststation auf meinem GPS. 200M vorher finde ich einen wunderbaren Schlafplatz wo ich noch das letzte Brot vom Hostel in Girona futter und mich dann im Mondlicht in den Schlaf gleiten lasse. SONY DSCZwischendurch wache ich einmal auf da der Schlafsack etwas feucht geworden ist, die Luftfeuchtigkeit hier ist ein Hammer, aber ich lasse mich nicht weiter stören, morgen geht die Sonne auf und trocknet das schnell genug. Um 8 wach ich auf, erholt und ausgeschlafen, noch immer Muskelkater von meiner Wanderung durch die Pyreneen aber mit Ruhe im Herzen und Freude im Kopf. Oder umgekehrt. Bei der Raste gibt’s einen Kaffee, Katzenwäsche und einen Apfel und schon bin ich wieder am Karre suchen, 200 Km bis Granada! Ein älteres Pärchen, das auf der afrikanischen Seite von Spanien wohnt nimmt mich mit bis kurz vor Granada. Zuerst laden sie mich noch auf einen Kaffee ein, dann fahren wir los. Der Fahrer wirkt unkonzentriert und kaum 5 Minuten nach dem Losfahren holt er einen Joint raus und fragt ob wir den rauchen wollen. Bevor ich ihn also alleine stoned fahren lasse zieh ich doch lieber mit. Klar ist das eine ziemliche Scheissidee, aber mein Gefühl sagt mir ,,Machs doch” und grinst. Etwas über eine Stunde später als ich sage dass ich in 5 km aussteigen werde kramt er noch in seiner Tasche und drückt mir ein Päckchen Papers in die Hand, drinnen ein feines Röllchen Hasch. Da ich mit der Situation überfordert bin sag ich ja und stecks mal ein. Draussen aus dem Auto erschlägt mich erst mal die Hitze. Die zwei fahren weiter und ich stille meinen Urindrang, dann denke ich drüber nach was ich wohl mit dem Hasch machen sollte. Da es ja – zumindest Marihuana – ,,for personal use in your personal space” legal ist in Spanien (anscheinend) steht der Fakt, dass ich keinen Plan vom Gesetzestext habe gegenüber dem Gedanken, dass sie wahrscheinlich niemanden kontrollieren, weil sie eh überall was finden würden. Falls es legal ist das auch mit sich rumzutragen. Wenn nicht bin ich fucked. Wenn Hasch illegal ist und nur Marihuana legal ist, bin ich fucked. Was passiert dann? 5 Tage Knast? Hohe Geldstrafe? Was wenn sie mich nicht erwischen? Was mach ich denn damit? Hier jetzt auf der Tanke alles verrauchen??? Das wäre oberhäftig, und die pralle Sonne viiiiel zu heiß, ausserdem müsst ich dann viel Wasser kaufen. Es herschenken? An wen? Es wegwerfen? Oder einfach wo offen rumliegen lassen? Wer es findet wird es wahrscheinlich wegschmeissen… würdest du Drogen die du findest einnehmen?

Ich habs wegge…… worfen. Kurz darauf bringt mich ein Arbeiter mit seinem Pritschenwagen nach Granada zur Bushaltestelle am Stadtrand. Mit der N7 fahr ich ins Zentrum und geh dann noch 15 Minuten zur Tourist-Info. Am Weg stellen sich mir links Paläste und rechts geschlossene, mit Plakaten und Stickern sowie Grafittis verschönerte Geschäfte und Häuser mit der Aufschrift ,,Vende” – was so viel wie ,,zu verkaufen” bedeutet – dar. Die Schere arm zu reich ist ziemlich weit offen hier. Bei der Tourist-Info check ich mir am Computer die 3 billigsten Hostels und entscheide mich aufgrund des Kommentars ,, wie eine grosse WG” für das Hostel Clandestine. Glänzt durch eine grosse Küche und die grosse Dachterasse. Die Leute, die das Zimmer als dunkel und kalt und grau bezeichnet haben waren wahrscheinlich nicht im Sommer hier, da wo das Zimmer angenehme Kühle verspricht. Nach einer Dusche geh ich einkaufen und hol mir für 26EUR eine fette Jause plus alle möglichen Nüsse und Trockenfrüchte als Wegzehrung für die kommende Zeit. Zusätzlich kauf ich noch 12 Bier. Hostel nüchtern ist nämlich langweilig. Als ich fertig war mit Essen kam ein londoner Pärchen auf die Terasse und wir haben uns gleich blendend verstanden. SONY DSCNach dem ersten Bier wurde der erste Joint verraucht und der zweite schon gleich gedreht, ziemlich starkes Zeug, londoner Indoor. Keinen Plan wie die das hier her gebracht haben. Die folgenden Stunden philosophieren wir über einen gemeinsamen Spirit, was, wenn wir nach dem Tod zu Futter werden wie eine Ameise die sich auf ein auf der Wiese liegendes Steak wagte und mitgegrillt und dann gegessen wird? Ob wir es uns vorstellen können in einem japanischen Fucked-Up Movie zu leben, für alle Ewigkeit? Über das Drehmoment das die Basis von allem ist, von der Zeit, vom Menschen. Was passiert, wenn die Zeit aufhört zu gehen? Wärn wir lieber Jesus, Mohammed oder Buddah? Vieles fällt mir nicht mehr ein, Eve hat leider eine Entzündung am Auge die immer schlimmer wird und so werden die folgenden Stunden philosophieren von der Entscheidung der beiden gebrochen in eine Apotheke zu wandern. Dieser Satz ist zu lange und wurde Aufgrund meines bekifften Zustandes nochmal begonnen und beendet.

Du bist Südspanier, du hattest mal Kühe. Deine Regierung ist Scheisse aber hat kiffen legalisiert. Es ist heiß und das andere oder gleiche Geschlecht sieht zum Anbeissen aus.

SONY DSCDes öfteren fühle ich mich, als ob ich bereit wäre zu sterben. Dies ändert sich jedoch sobald ich irgendwelche Pläne habe. Wie zum Beispiel das Festival oder die Sierra Nevada. Beim Abstieg vom Pico de Aneto war ich so voll von Euphorie, dass ich wusste, es ist mir egal was passiert. Ich hatte gerade so etwas besonderes erlebt, dass ich bereit war, dass ich fertig war mit meiner Lebensaufgabe, dass ich so planlos war, dass ich die Zukunft als Konstante wahrnahm, konstant planlos, voll mit von Intuition geleiteten Ereignissen bis in alle Ewigkeit. Also wenn mich meine Intuition in diesem Moment in eine für mich tödlich ausgehende Situation bringen würde wäre ich damit zufrieden. Es wäre Teil meiner planlosen Zukunft, ich würde es ohne mit einer Wimper zu zucken akzeptieren. Ich würde mich darüber freuen, so wie über ein Kind, das ich mit meiner Partnerin gebäre, wie die Möglichkeit Flügel zu besitzen und davon zu fliegen, wie alles andere mögliche und unmögliche. Nun sitze ich jedoch hier, aufmerksam, mit Angst und Nervosität vor der Tour, dem Wasserproblem, dem Zeitproblem, da die Sarah herfliegen wird um Urlaub zu machen und um mich zu besuchen. Am nächsten Morgen wach ich auf, frühstücke gross und dann gibt’s mal Kaffee, Zigaretten, ein nettes Gespräch mit Marcus und Eve die auch da sitzen und bald wird beschlossen eine Morgentüte zu rauchen. Dann gegen Mittag nach einiger Zeit quatschen gehen die zwei auf Raubzug nach Brot, Zigaretten, Cola, Bier und Orangen. Ich setze noch eine Kanne Kaffee auf und brüte in der Hitze der Sonne. Nach etwa ein bis zwei Stunden hab ich ein paar Couchsurfer*Innen in Jaen kontaktiert, zwecks Festival, aber da ich keine Rückmeldung bekam beschloss ich direkt in die Sierra Nevada zu fahren. Eve und Markus brachten noch ein paar Biere mit und Becky aus London setzte sich dazu. Wir rauchten bis spät in die Nacht, philosophierten, erzählten uns Weisheiten und sprachen viel über Glaube und Bewusstsein. Am nächsten Morgen gibt’s nach einer Dusche Frühstück, die Nüsse und Trockenfrüchte werden gemixt und insgesamt 3,5 Liter Wasser eingepackt. Ich werte es als gutes Zeichen, dass ein paar Wolken am Himmel stehen, der Tag ist draussen viel erträglicher, ausserdem geht ein feines Lüftchen. Ich stocke noch meine Tabakwaren auf und dann sitz ich an der Bushaltestelle des 390ers der mich für 1,30 EUR 40 Minuten lang durch die Landschaft kutschieren wird, nach Güjar Sierra, von wo aus ich meinen Trip starten werde. Noch eine kurze Anekdote zum Hostel Clandestine. Clandestine bedeutet ,,heimlich”, ,,hinter verschlossenen Türen mit der Absicht etwas zu verbergen”. Die Zimmer hatten Namen wie ,,Salvia”, ,,Cava Cava” und andere psychoaktive Kräuter und Pflanzen. Ich bin mir nicht sicher wo genau der Zusammenhang liegt aber es gibt ihn wenn ich länger in die Augen des Betreibers des Hostels schaue der wirkt als seien seine Augen in einer anderen Welt, nur sein Bewusstsein ist da. Vielleicht ist er gerade auf einem Trip in der Hölle wo er die verschiedenen Teufel bewirtschaften muss und scheiss freundlich ist weil er so viel Angst hat und eigentlich nur ins Bett will zum Schlafen und nüchtern werden. Oder auf einem geilen Trip, wo er in seinem Traumland ist wo alles geil und flashig ist, er seine Arbeit liebt und nie wieder will, dass der Trip aufhört.

SONY DSCSONY DSCNaja, weiter. Im Bus treffe ich Böschi. Der lebt in Güjar Sierra seit einem Jahr und hat davon 3,5 Jahre in Granada gelebt. Er schreinert. Bzw. zimmert Auftragsmöbel. Und er geht mit mir auf den Mullhacen. Er wollte schon immer mal hoch und packt die Gelegenheit beim Schopf. Nach 2 Bieren mit Tapas holt er sich von seiner Family (Frau und Kind) die Erlaubnis und wir brechen am gleichen Tag noch auf zum Refugio Naturales Secreta, einem laut Karte ,,durchlöcherten Fels” wo wir voraussichtlich pennen. Im Dorfladen holen wir uns noch einen Liter Bier in Glasflasche, kalt, pro Person und stapfen in der glühenden Mittagssonne auf den alten Strassenbahndämmen die bis in den Berg führen vorbei an Kneipen, über Hängebrücken bis zur letzten Kneipe am Weg. Dort gibt’s noch jeweils 2 Bier mit Tapas und dann, 6 Bier im Rücken, tief ins Tale. Vorbei an alten Bauten die schon lange zusammengefallen sind, an Biwakplätzen und alten Pyritmienen. In 2 dieser Minen steigen wir ein, bei der ersten bis ans Ende und bei der 2. bis wir 10 Zentimeter im Schlamm versinken, dann lassen wirs sein. Ziemlich interessant wirken auch die alten Gemäuer die vor den Eingängen stehen. Die boten sicher Platz für 30-40 Menschen. Kurz vor dem Refugio Naturale treffen sich 3 Gebirgsbäche und wir beschliessen dort unser Nachtlager aufzuschlagen. Gut gespeist wird und dann gegen 21:45 liegen wir in den Schlafsäcken und geniessen. Am Morgen spazieren wir zum Aufwärmen SONY DSCSONY DSC20 Minuten los, dann Futtern wir was. Durch gelb-braune Täler, den Mullhacen im Blickfeld steigen wir bergauf. Die Sonne verschont uns da wir nordseitig gehen, immer wieder haben wir Schatten aber auch immer wieder ein Sonnchen. Wir haben mindestens 1800 Höhenmeter vor uns und ich spüre schon zu Beginn meinen schweren Rucksack. Vielleicht waren die 2 Tage Granada saufen, kiffen und rumhängen nicht so das Erholungsding für meinen Körper, vielleicht auch die 6 Bier vom Vortag gepaart mit den 30+ Grad in denen wir mehrere Stunden gelaufen waren. Training für den Veitscher Wein-Berglauf?

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