Prolog:
Diese Darstellung bedarf keines Kommentars. Dieser Text ist nicht dafuer bestimmt, gelesen zu werden. Dies ist ein weiterer Auszug aus dem Tagebuch meines Herzens. Die Eintraege von frueher kommen spaeter, es gibt sie schon, doch ich traue mich noch nicht sie herzugeben. Seid nicht beunruhigt. Aber die Entscheidung, dies zu lesen unterliegt eurer Verantwortung.

Aussen.

Ich bleibe mal bei mir. In mir. Draussen regnet es. Es ist bestimmt auch kalt. Aber ich war schon lange nicht mehr draussen, drum weiss ich es nicht. Vor langer Zeit hatte ich mir angewoehnt, abends viel Kaffee zu trinken und viel Zigaretten zu rauchen. Das versetzte mich in Schreiblaune. Ich begann dann immer auf einer anderen Welle durch die Welt zu schweben. Leicht diesig, etwas verschwommen, aber mit klarem Blick auf mein Inneres. Seit dieser Zeit habe ich viel erlebt. Bin gegangen. Bin gelaufen. Hab die Welt durchsucht. Nach Neuem, nach Erregung. Nach Befriedigung.
Ich ziehe gerade relativ bewegungslos durch die Realitaet. Es gibt hochs und tiefs. Ich freue mich und bin traurig. Aber die Abgruende in die ich mich frueher gestuerzt habe sind mit Bruecken ueberbaut. Die Loecher, die mich verschluckten sind zugebrettert. Und die hohen Tuerme, auf denen ich oft genuesslich ruhte, liegen weit ausser meinem Sichtfeld hinter mir, da ich beschlossen hatte, in die Ebene hinauszuwandern. Um zu Suchen.
Das Letzte klare Bild, das ich von mir habe war die Entscheidung fuer die Suche nach Lust und deren Befriedigung. Der Sinn. Das Leben. Sehen, erkennen, staunen und bei Bedarf auch mal verstehen. So bin ich getaumelt, von einem Eck ins andere. Von hier nach da. Oben und unten, ich habe viele Winkel durchsucht und in vielen Staub und in manchen Schaetze gefunden. Ich habe es genossen. Ich habe mir kaum Fragen gestellt. Bis ich vor kurzem ein Aufbaeumen in meinem Inneren hatte. In einem Moment wo ich weder bewusst noch bei mir war produzierte ich etwas schreckliches. Ich spie es aus. Aus meinem Inneren, da kam es und es stand auf einmal vor mir, sah in meine erschrockenen Augen und trug zu noch staerkerer Verstoerung bei. Es war wie ein Kind, dass ich geboren hatte ohne, dass ich wusste, dass ich schwanger war. Ich schenke es euch, die das hier lesen:

mein herz. aussen. ich kann nicht. allein. nein. aus. nein. wo. ist das ende. ehrlich. heim kommen. raus. ich will. niemals. weg. immer. nie heim. bitte bitte. bitte. bitte. Bitte!

Schale.

Meine Umgebung war genau so verstoert wie auch ich. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann, in welchem Zustand und warum ich dies produziert hatte, aber in dem richtigen Moment, wo meine Sinne nicht bei mir, der Schild nicht erhoben und die geistigen Barrieren vor meinem Inneren wackelnd und instabil, entschluepfte dieses Unding meiner Seele. Ein Hauch aus meinem Inneren, durchgedrungen durch die steinernen Mauern um mein Herz. In der Nacht der Bewusstlosen, im Schatten des nicht vorhandenen Mondes.
Als haette ein in der Vergangenheit ausgeholter Peitschanschlag mich endlich erreicht, schneller als die Zeit gereist. Ein Schubser aus einer unerwarteten Richtung. Ein Ruckeln an meinem Glauben, die Gegenwart zu beherrschen, zu sein, echt zu sein, integer und authentisch zu sein. Welch ein Schock. Die Wachhunde schlugen an. Die kleinen Seelenklempner die wie um ein Lagerfeuer mein Herz sitzend bewachten waren in Panik. Ein Funke hatte sich nach aussen geschlichen. Stieg langsam und leise aber gluehend heiss nach oben und stob durch meine Finger in das Weltall das mich umrundet.

Den Weg versuche ich nun zu beschreiben.

Links aussen, da ist eine Luecke. Schnell vorbei, sehn mich nicht, wenn ich mich buecke.
Ein husch, ein weg. Hier ein Kauern, da ein lauern, dann ein Schreck.
Doch noch nicht entdeckt.
Dann, der Punkt ohne Wiederkehr. Die Hetz geht los. Kein Zurueck, nimmermehr.
Schneller, brausend, von nichts mehr gehalten. Tosend und sausend.
Im Augenwinkel verfolgende Gestalten.
Dann ein Bruch. Ich bin frei. Schneller noch, am Horizont vorbei.
Mein Herkunftsort, nur noch ein Punkt, fuer immer fort.

Innen.

Auf dem Heuboden meines inneren Bauernhofes zanken sich der Gute und der Boese Gedanke. Beide beschuldigen sich.
Der Kind Gedanke und der Ich Gedanke sitzen in der Stube. Der Ofen ist aus. Beide frieren. Sie sehen sich nicht nicht in die Augen. Beide sind nervoes.
Gestalten aus meiner Vergangenheit wischen ueber den Hof und werden nicht eingelassen. Die, die im kalten Regensturm stehen huschen von einem Ort zum anderen um sich zu schuetzen, aber das Nass dringt ueberall ein. Auf der anderen Seite suchen ein paar Schutz vor der heissen Sonne. Im Schatten von Steinen. Aussichtslos. Sie dursten nach Wasser wie die im Regen stehenden nach Waerme.
Alte Ichs durchsuchen die Zimmer nach Ausgaengen. Klopfen an Fenster. Sie schauen in Kisten und schlagen Decken und Teppiche auf. Auf der Suche nach einem Ausweg. Doch der Ich Gedanke hat sich gut auf diesen Moment vorbereitet.
Die Auswege sind ausnahmslos versperrt, verbaut, zugemauert. Die Bedingung fuer das Ende des Stillstandes war naemlich Stillstand gewesen. Ich wurde betrogen. Ich habe mich belogen. Ich hatte mich hintergehen muessen, mir selbst Honig ins Maul geschmiert, heisse Versprechungen die mich in den Ohren gekitzelt hatten. Tu es. Das war die Devise gewesen. Mach es endlich. Versuche es doch, du kannst es nur richtig machen.

Und da ein Sieg nicht in Sicht,
auf alles Einschlagend
in der Hoffnung, dass es zerbricht
tanzt die Unruhe.

Und darunter.

Hier ist keine Zeit. Hier ist nichts. Hier ist alles.
Hier gibt es Angst. Hier gibt es Liebe. Hier gibt es Fragen.
Hier steht eine Kugel auf einem Sockel aus Stein.
Und wieder stelle ich mir die Frage.

Wo bin ich zuhause?

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