Ich lag da. Kurz vor Mitternacht. Wie schon die letzten harten Tage konnte ich nicht einschlafen. Es war sau kalt draußen. Der Atem fror direkt an der Scheibe. Heute begann das Schießen nicht weit entfernt. Leises, manchmal dumpfes Krachen. Immer höher die Frequenz. Immer lauter. Vor Angst zitternd lauerten wir in unseren Verstecken. Wir hatten alle den selben Gedanken. Wenige Minuten später die ersten großen Geschütze. Mehrfaches dumpfes Bollern, dort wo die einschlagen lebt nichts mehr. Schnelles Knattern zeigte uns, dass die Leute auch hier schon auf der Straße waren. Wir froren und fürchteten uns. Andere kämpften um ihr Leben. Das Jahr ist für die meisten schon vorüber.

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Ich stehe in der U-bahn und mein Rucksack ist schwer. Zwei Fahrgäste vor mir taucht aus dem nichts ein Fahrkartenkontrolleur auf. Ich hab noch eine Station zu fahren. Und keine Karte. Langsam steigt meine Nervosität. Ich weiß, dass es sich ausgehn kann wenn die Kontrolle bei den anderen länger dauert. Als der Kontrolleur, er scheint mir hochgewachsen und mächtig während mich mein Rucksack klein presst, mich erreicht, vermeide ich Blickkontakt. Just in dem Moment bremst die Bahn, so stark, dass ich in die Knie gehe. Ich werde zur Seite gedrückt und hänge für eine Sekunde schief da. Dann noch ein Bremsschub, meine verschwitzte rechte Hand löst sich vom Metallgestänge und mein Körper baumelt zur Seite, immer auf den Kontrolleur zu. Mein Rucksack ist weg. Ich bekomme eine Halterung zu fassen und der Zug bleibt langsam stehen. Schon bevor irgend etwas gesagt wird fährt der Zug wieder an. Langsam rollen wir in Richtung Station. Der Kontrolleur grinst. Er sagt “28 Cent bitte”. Verwirrt versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. Schnell fasse ich mich wieder und krame nach meinem Geldbeutel. Ich ziehe 2 Münzen hervor die ich für genug halte und bemerke, als ich sie in seine Hände fallen lasse, dass es ein Euro und ein 10¢ Stück sind. Viel zu viel. Ich hoffe er kommt beim heraussuchen des Wechselgeldes nicht zu dem Schluss, dass er eigentlich nach einer Fahrkarte fragen hätte sollen die außerdem 2,80€ kostet. Ich bange darum, dass er nichts merkt. Ohne den Blick zu verziehen bedankt er sich für die Münzen und stellt sich neben mich an die Tür. Noch ein paar Augenblicke und ich kann raus. Nur der Kontrolleur, er sieht mittlerweile jünger und bei weitem nicht mehr so bedrohlich aus, steht neben mir. Sehr nah, er rückt immer näher. Dann legt er den Arm um meine Schulter. Fest drückt er mich an sich. Dann schaut er mich mit leicht paranoidem Blick an und lässt leise verlauten: “Aber davon hab ich noch nichts!” Langsam wird mir klar, dass nicht nur ich hier am tricksen bin. Unfähig aus der Umklammerung zu entkommen frage ich schleimerisch: “kann ich auch zum Automat geh’n und mir einfach ein Ticket kaufen?” Stille. Dann ziehe ich nochmal meinen Geldbeutel, finde dort meinen letzten 10er und reiche ihn dem Kontrolleur mit einem zwischen den Lippen rausgepressten “reicht ein 10er?” Dann spule ich zurück. Stille. “Da muss ich aber zum Bankomat” sag ich vorsichtig, in der Hoffnung zu entkommen. Davon rennen oder so. Ich verlasse den Zug mit ihm. Wir gehen langsam den Bahnsteig entlang. Ich sehe einen Kartenautomat und überlege hinzurennen, mir schnell eine Karte zu kaufen, und dann so zu tun als sei nix gewesen. Aber wir gehen zügig vorbei. Dann biegen wir in den Raum vom Bankomat, ich steck langsam meine Karte rein und hebe Geld ab. Am Weg hierher hat sich der Kontrolleur nochmals verändert. Er hat nun eine andere Frisur und eine nerdige Brille. Er kommt auf mich zu. Ich weiß nur, dass ich nicht mein Geld, schon wieder vergessen wieviel ich abgehoben habe, verlieren will. Ich stoße ihn weg. Er grinst. Ich drücke ihn weg und drohe ihm mit Gewalt. Er grinst weiter und drückt sich an mich. Ich zwicke ihm in den Bauch und ins Kiefer, an den Stellen wo ich weiß, dass es weh tut. Kurz schaut er irritiert, dann grinst er wieder. Ich lege ihm meine Hand aufs Gesicht und drücke ihn so schwungvoll von mir weg, dass er zu Boden fällt. Meine Hand drückt seinen Kopf auf den Boden. Dann drohe ich ihm, wenn er mir folge würde dies schlimm für ihn ausgehen. Er liegt am Rücken und grinst so abwesend, dass ich nicht unterscheiden kann, ob er geistig behindert ist oder einfach blöd. Ich spüre Reue aufkommen. Habe ich ihn verletzt? Dann spute ich mich jedoch, gehe zum Fahrkartenautomat und drücke mit eine Karte runter. Kurz verwirrt bin ich über die drei verschiedenfarbigen 10€ Scheine die ich in meiner Geldbörse habe. Aber egal. Die Fahrkarte kommt inklusive Wechselgeld raus. Obwohl ich nur einen 10er reingesteckt hatte kamen drei Zehner als Restgeld raus.
Ich war eigentlich unterwegs nach Hause. Ich war auf einer sehr langen Reise, bin es noch. Ich kann es gar nicht erwarten heimzukommen, wieder bei ihr zu sein. Zu geniessen. Aber das Geld ist knapp. Und der weg noch weit.
Also kaufe ich noch eine Fahrarte, vielleicht bekomm ich ja auch diesmal mehr retour. Hinter mir tritt ein Mann nervoes von einem Bein aufs andere und räuspert sich. Ich muss mich beeilen. Noch eine Karte. Diesmal kommen zwei 100er mit raus. Scheinbar hat der Automat eine Fehlfunktion. Meine Gier überkommt mich, noch eine Karte, vier Hunderter retour, nochmal, nochmal. Hinter mir stehen schon drei Leute, ich hoffe sie können im Halbdunkel nicht sehen was ich mache. Es kommt ein A4 Zettel mit Erlagschein beim nächsten Schub 100er mit raus. Ich Pack also die ganze Kohle, schlage sie in das A4-Papier ein und gehe zur Seite. Das Papierkuvert kommt in meine linke Anzuginnentasche. Dann höre ich den Kontrolleur von vorhin aus der Ferne rufen. Ohne mich umzudrehen renne ich los. Durch den dunklen Bahnbof, mehrmals ums Eck, dann bin ich auf der Strasse. Unauffällig gehe ich nun weiter, langsam vom Bahnhofsgelände weg. Ich weiss noch nicht, dass ich nun auf sehr leisen Pfoten unterwegs sein werde, dass ich darum kämpfen werde, wieder in diesen Bahnhof zu kommen. Dass ich in einen Fluss fallen und dort eine Frau treffen werde. Und dass ich beim Versuch weiter und zu ihr zu fahren vom Militär aufgehalten werde. Gefilzt werde. Ausgefragt. Aber sie haben nichts gegen mich in der Hand. Nicht in diesem Traum.

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Sterne stehen am dunkelblauen Winterhimmel. Es ist Nacht. Eigentlich nicht, weil erst 18 Uhr am Abend, aber es ist Winter, drum ist es schon finster. Die Ski an den Füssen ziehen wir unsere Spur durch den beinahe knietiefen Schnee. Halbmond. Halbmond bedeutet bei klarem Himmel, dass der Schnee so hell leuchtet, dass selbst unsere Stirnlampen dagegen nicht ankommen. Die -15 Grad Celsius werden vom inneren Feuer und der Anstrengung vertrieben. Schweiß rinnt. Würde ich die Jacke nun ausziehen würde ich dampfen als hätte ich gerade in Brand gestanden. Stille. Kein Laut dringt durch die verschneiten Wälder als das Klicken unserer Stöcke wenn sie unter dem frischen Schnee auf Stein stoßen und dem Rauschen der Felle die durch den Schnee ziehen. Wenn wir stehen und die Luft anhalten wird die Stille zu einem Druck, so lautlos ist sie. Nebelschwaden fetzen unter dem Mond durch. Da oben geht ein Sturm. Wie von Geisterhand verlieren im Schatten der Nebelwolken alle Konturen ihren Halt. Wo zuerst noch eine Strasse war, Schneebedeckt mit Spuren von Tieren drauf, mit Schatten von Bäumen die Distanz wahrnehmbar machen verschwindet alles sobald das Mondlicht vergeht. Die graue, kontrastfreie Ebene vor uns wirkt endlos. Mit jedem Höhenmeter steigt die Schneehöhe. Mit jedem Schritt die Einsamkeit, mit jeder Kurve die Abgeschiedenheit von Wärme. Und trotzdem fühle ich geborgen und wohl.

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